„Das System, das ich geschaffen habe, wurde zum Teil gemacht, um Betrug so weit zu unterbinden, wie es durch Technologie möglich ist.“

Der angebliche Satoshi Craig Wright versucht, in der US-Regulierung von Kryptowährungen mitzumischen. Er reagiert auf den Aufruf einer Behörde, öffentliche Kommentare zu Ethereum einzureichen, mit einem flammenden Brief, in dem er harte Vorwürfe an Bitcoin und Ethereum aufwirft und seine Ansicht darlegt, welche Rolle Bitcoin und Blockchains tatsächlich im Finanzwesen spielen. Wer die Nachricht weder wörtlich nimmt noch sich an der Person Craig Wright aufhängt, findet darin gute Anstöße, um nachzudenken und zu diskutieren.

Beginnen wir mit dem Hintergrund: Die Commodity Futures Trading Commission (CFTC) beaufsichtigt in den USA die Märkte für Futures und Option. Spätestens seitdem die Börse von Chicago Bitcoin-Futures anbietet, sind Kryptowährungen für die Behörde regelmäßig ein Thema. Dabei scheint die CFTC bisher einen recht freundlichen Zugang zu Bitcoin zu haben.

Nun bittet die CFTC um öffentliche Kommentare zu „Mechanismen und Märkten von Krypto-Assets.“ Im Zuge der Recherchen zur LabCFTC Initiative – einem Programm, das Fintechs innovationsfreundlich aber auch verantwortungsbewusst regulieren soll – bittet die CFTC um „Kommentare und Feedback, um der Kommission zu helfen, die Technologie, Mechanik und Märkte von virtuellen Währungen über Bitcoin hinaus zu verstehen, insbesondere Ether und das Ethereum-Netzwerk.“ Dieses öffentliche Feedback soll „die Entwicklung der Aufsicht über diese Märkte und die regulatorische Politik befördern.“ Die CFTC möchte „Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten von bestimmten virtuellen Währungen, unter anderem Ether und Bitcoin, verstehen“, wie auch die „Ether-spezifischen Chancen, Herausforderungen und Risiken.“

Im Hintergrund steht dabei auch die Frage, ob Ether ein „Wertpapier“ („Security“) ist oder nicht. Kann ein Asset, das ursprünglich wie ein Wertpapier öffentlich angeboten wurde – gemeint ist die initiale ICO von Ethereum – später auf eine Weise verkauft werden, dass dies nicht den Akt eines Wertpapierhandels konstituiert? Ein Schlüsselpunkt könnte hier, legt die Ausschreibung der CFTC nahe, die Dezentralität sein. Dann stellt die CFTC 25 Fragen zu Funktionalität, Technologie, Regierung („Governance“), Märkten, Regulierung und Sicherheit, von denen sie hofft, durch die öffentliche Kommentierung Klarheit zu erlangen:

Warum wurde Ethereum erfunden? Welche Funktionalitäten bietet Ethereum im Vergleich zu Bitcoin? Welche Anwendungen gibt es? Worin unterscheidet sich die Technologie von Ethereum zu Bitcoin? Welche Herausforderungen der Skalierbarkeit gibt es bei Ethereum? Wurde der Proof-of-Stake-Algorithmus bereits getestet? Wie wird Ethereum „regiert“? Gibt es Gefahren künftiger Splits? Welche Risiken hat der Wechsel von Ether in Fiatgeld? Würde die Einführung von Derivaten auf Ethereum den Übergang zu Proof-of-Stake beeinflussen? Wie kann man die Ethereum-Blockchain überwachen? Gibt es spezielle Sicherheitsrisiken im Zusammenhang mit Smart Contracts? Und so weiter.

Das sind eine Menge Fragen, gute Fragen, die zeigen, wie sehr sich die Behörde bemüht, ihre eigenen Maßstäbe an die Kryptowährung anzulegen, ohne diese dabei aus den Augen zu verlieren. Für solche Fragen öffentliche Kommentare einzuholen, ist eine lange Praxis US-amerikanischer Regulierungsbehörden, die einen offenen Dialog mit Experten, Lobbyisten und Privatleuten beginnen.

Nun hat sich Craig Wright, der berüchtigte angebliche Satoshi, in die Debatte eingeschaltet. Und zwar mit einem 8-seitigen Kommentar, der auf der Webseite der CFTC veröffentlicht wurde. Wie immer bei Craig geht es nicht kleiner als „ganz groß“.

„Mein Name ist Craig Wright und ich habe …“

Craig beginnt seinen Kommentar mit einem pompösen Aufschlag: „Mein Name ist Dr. Craig Wright und ich habe unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto ein Projekt abgeschlossen, dass 1997 begann und das als Blacknet teilweise als ein AusIndustry Projekt beim Ministerium für Innovation der Australischen Regierung angemeldet war.“

Dann erklärt er, dass ihn „die Menge an Missverständnissen und abwegigen Informationen, die über Bitcoin und jedes derivative System auf Basis einer Blockchain (wie Ethereum)“ überzeugt haben, an die Öffentlichkeit zu gehen. Er stellt klar: „Das System, das ich geschaffen habe, wurde zum Teil gemacht, um Betrug so weit zu unterbinden, wie es durch Technologie möglich ist.“ Das Unvermögen der Menschen, die Blockchain-Technologie zu verstehen, habe zu „weitläufigen Misinformationen und der Verbreitung von alten Betrugsmodellen“ geführt. Viele ICOs seien nur eine Fassade für eine Neuauflage „von früheren USENET und Web-IPO Betrugsmaschen.“

Bevor er zu seinem Kommentar kommt, erklärt sich Wright noch zu einer darüber hinausgehende Befragung durch die CFTC bereit. Dann legt er los. Manches von dem, was Wright nun schreibt, widerspricht fast allem, was im Krypto-Bereich als Common Sense gilt. Anderes dagegen fügt sich gut in die üblichen Interpretationen – vor allem die des Bitcoin-Maximalismus — ein, und manches skizziert interessante Ansätze, um Kryptowährungen im Rahmen der regulierten Finanzmärkte einzuordnen.

Ungewöhnlich ist etwa seine Ansicht von der Dezentralisierung und dem „Herausgeber“ („Issuer“): Die Miner seien nicht die Herausgeber von Kryptowährungen. Stattdessen geschehe die Herausgebe in dem Moment, in dem das Projekt gestartet wird. Sie werden von einer einzelnen Partei oder Gruppe herausgegeben, bei Bitcoin er selbst, bei Ethereum vermutlich die kollaborierenden Entwickler und die Ethereum Foundation. Diese These setzt, sofern die CFTC sie akzeptiert, die Schöpfer von allen Kryptowährungen unter Druck.

Frontend und Backend im Finanzwesen

Danach kommt Wright zur Rolle von Kryptowährungen und Blockchains in der Mechanik der Finanzmärkte: „Bitcoin (und Blockchains im generellen) ändern die Methode, wie ein Handel abgeschlossen wird. Die Nutzung von Bitcoin entfernt die Notwendigkeit von Mittelsmännern oder Intermediären. Dieses System von Intermediären erfüllt die Funktion von Settlement und Clearing.“

In der Vergangenheit sei eine Transaktion üblicherweise in zwei Phasen aufgeteilt worden: In der ersten entsteht eine Übereinkunft zum Handel. Dem entspreche der „Peer to Peer“-Aspekt von Bitcoin – jedes Individuum kann mit anderen Individuen handeln. Allerdings „ist dies auf keine Weise anders als im existierenden Finanz- und Handelssystem“: Leute können einen Handel direkt oder über Broker und Börsen vereinbaren. Wright nennt diese erste Phase das „Frontend“ eines Handels. Er stellt klar: „Bitcoin (oder irgendeine andere Blockchain) kanm die Frontend-Prozesse nicht ersetzen.“ Allerdings hilft die Kryptowährung dabei, „einfachere, günstigere und ökononomisch wertvollere Wege zu bilden, um Händlern ein ökonomisches Frontend zu bieten.“

Der Unterschied schlägt sich in der zweiten Phase durch: dem Clearing und Settlement, das Wright auch als „Backend“ des Handels bezeichnet. Dieser Prozess wird bei Bitcoin durch Miner kontrolliert, die als ein „verteiltes Clearing House und Settlement“ agieren. „Wenn finanzielle Assets, Anteile und Wertpapier getauscht werden, entfernt die Blockchain die Notwendigkeit einer formalen Clearing-House-Funktion.“ Keiner der Backend-Agenten in einem Handel betreibe einen Marktplatz. Sie gewährleisten lediglich, dass die Deals, die im Frontend vereinbart worden, auch ausgeführt, also sicher zwischen den beiden Parteien ausgeglichen werden.

Anschließend kommt Wright auf eines seiner Lieblingsthemen zu sprechen. „Die Idee, dass eine Blockchain es erlaubt, Anteile oder Wertpapiere ohne Regeln oder Kontrolle zu handeln“, sei nichts weiter „als ein Ruf von solchen, die auf illegalen ‚Winkelbörsen‘ handeln wollen“, um sich „unter dem Deckmantel der ‚Demokratisierung der Finanzen‘ durch die Theorie des größeren Idioten“ zu bereichern. Die Einführung einer Blockchain in finanzielle Systeme „beeinflusst oder – an dieser Stelle: beseitigt – nicht die Notwendigkeit von Regulierung und Kontrollen der ‚Front-End‘-Funktion. Tatsächlich vereinfacht Bitcoin sogar die Regulierung von allen Handelsereignissen auf einem Finanzmarkt.“

„Ethereum ist eine armselige Kopie von Bitcoin“

Endlich bei Ethereum angelangt, erkärt Wright: „Ether und das damit verbundene Netzwerk wurden entwickelt, um ein Set von Beschränkungen zu überwinden, die die Bitcoin-Core-Entwickler Bitcoin auferlegt haben.“ Bitcoin sei von Anfang an dafür gemacht worden, mit seinen robusten und sorgfältig ausgewählten Skripten Turing-vollständig zu sein. Ohne die selbstauferlegten Beschränkungen wäre Bitcoin fähig, Computerprozesse und Smart Contracts sehr viel besser abzubilden als Ethereum.

Das Motiv für die Core-Entwickler, Bitcoin so zu verstümmeln, dass es nicht skaliert, war, „User von einem unveränderbaren Kontobuch wegzudrängen. Die Entführung von Bitcoin begann mit dem Scheitern der Silk Road. Seit dem Kollaps dieses Drogenmarktes und der Einsicht, dass eine unveränderbare Blockchain es den Strafermittlern erlaubt, Guthaben aufzuspüren, haben die Bitcoin-Entwickler nach alternativen Wegen gesucht, um die User dazu zu zwingen, offchain zu gehen.“ Dies habe zur Entwicklung von Sidechains und Lightning geführt, Netzwerke, die dafür gemacht seien, „die Anonymität durch das Löschen von Aufzeichnungen zu erhöhen.“

Ethereum selbst sei „ein fehlerhaftes Konzept auf Basis von Bitcoin“, eine „armselige Kopie“, die versuche, das System von Skripts und Smart Contracts zu vervollständigen, das in Bitcoin von Anfang an gewesen war, aber von den Core-Entwicklern entfernt worden war. Der große Fehler von Ethereum sei, zu meinen, das System sei dezentral, weil die Programme – Smart Contracts – auf allen Computern und Knoten ausgeführt werden. „Die Realität ist, dass dies einfach nur die Berechnungen limitiert und Skalierung unmöglich macht.“ So habe das Ethereum-Netzwerk bereits heute seine Limits erreicht. Es wird, so Wright, „effektiv nur benutzt, um Kapital auf illegalen Winkelbörse einzuholen, die so gemacht sind, dass nicht-technische User getäuscht werden.“ Keine im Zuge der ICOs geschaffene Technologie „hat nicht schon zuvor in einer besseren Weise existiert“.

Das Ethereum-Netzwerk wird, so Wright, von einer zentralen Gruppe kontrolliert, die „mit irreführenden Statements behauptet, dass sie dezentral sind, um darüber hinwegzutäuschen, dass sie auf betrügerische Weise ein digitales Wertpapier geschaffen haben. Alle Entscheidungen werden von einer zentralen Gruppe getroffen.“ Dasselbe treffe bei Bitcoin zu, wo die Core-Entwickler „diesen Prozess untergraben haben, um in einem verschleierten Versuch ein anonymes System zu schaffen, das es erlaubt, auf Schwarzmärkten Drogen zu kaufen und zu verkaufen.“ Jeder, der behaupte, „die Blockchain kann außerhalb der existierenden Justiz, der Statuten und Regeln existieren, versucht, in die Irre zu führen und zu betrügen, mit dem einzigen Zweck, Regulierung zu vermeiden und unregulierte Winkelbörsen und Darknet-Märkte zu schaffen.“

Dann schließt Wright seinen Kommentar mit den Worten: „Ich bin bereit, einen Eid zu schwören.“

Nun …

Was soll man dazu sagen? Ich könnte jeden Absatz von Wright kommentieren, hier heftig widersprechen, dort seiner Ansicht einen Wert zuzugestehen, und sehr vieles zu relativieren. Aber ich wollte die Thesen einfach nur zur Diskussion stellen, und bin gespannt, was ihr dazu sagt.